MARCUS JANSEN

Kartograph unserer Konflikte

Das Gespräch führte Daniel Janzen
MARCUS JANSEN
MARCUS JANSEN
ATELIERBESUCH BEI MARCUS JANSEN

» Im Leben eines jeden Menschen gibt es diesen einen Zündfunken, der alles Folgende in Bewegung setzt«, ist sich Marcus Jansen sicher.

Und der heute in Florida lebende New Yorker weiß exakt, wann in seinem Leben besagter Funke gezündet wurde. Über seine Patentante lernte er als Teenager einen Jungen namens Isaac Rubinstein kennen. Schon bald sollte sich herausstellen, dass Isaac quasi ein Doppelleben führte und als West One damals zu Beginn der 1980er-Jahre einer der umtriebigsten Graffiti-Künstler von ganz New York City war. Als Jansen erstmals das Zimmer von West One betrat, machte es Klick und dann Bumm. »Alles lag voller Spraydosen – leer, voll, alle Farben. Und überall waren Skizzen verteilt. Ich fand es großartig.«

SCHIEFSTÄNDE DOKUMENTIEREN
UND KOMMENTIEREN


Es war nicht die Kunst selbst, die Marcus Jansen in diesem Moment für sich entdeckte. Schon viel früher war er mit ihr in Verbindung gekommen. Bei seiner ersten Beteiligung an einer Ausstellung war er gerade sechs Jahre alt. Vielmehr war es die Erkenntnis, Kunst als Übermittler von gesellschaftskritischen Botschaften zu verstehen, die sich ihm plötzlich eröffnete. 1968 geboren, hat er New York in seiner Jugend noch in desolatem Zustand erlebt: zunächst in der – in seiner Erinnerung wie »ausgebombt« wirkenden – Bronx, später dann in Queens. Seinerzeit entwickelten sich gerade in den Problemvierteln rebellische Subkulturen, die ihre eigenen Wege fanden, den Status Quo anzuprangern. Anders als heute, war der damalige Hip-Hop textlich vielfach eine Abrechnung mit dem Zustand US-amerikanischer Innenstädte und ihrer Bewohner, während Graffiti die kritische Aufarbeitung des de saströsen Alltags in visueller Hinsicht vornahm.


In diesem Umfeld ist Marcus Jansen groß geworden. HipHop und Graffiti sind die Wurzeln, aus denen sein heutiges Künstler-Ich erwachsen ist. Vor allem die rebellische Grundhaltung, gesellschaftliche Schiefstände mittels Kunst zu dokumentieren und zu kommentieren, hat sich Marcus Jansen über die dreieinhalb Jahrzehnte seit dem Moment im Zimmer von West Rubinstein bewahrt. Sie macht ihn im Hier und Jetzt zu »einem der wichtigsten US-amerikanischen Maler seiner Generation« – so die nicht ganz unmaßgebliche Einordnung des Jansenschen Wirkens durch den Kunsthistoriker Manfred Schneckenburger, seines Zeichens Kurator der Documenta 1977 und 1987.

PRÄGENDE JAHRE


Der Weg vom Graffiti-begeisterten Teenager zum hochgelobten Gegenwartskünstler verlief jedoch keineswegs geradlinig. Und auch die Schlenker und Kurven auf dem Weg haben ihre Spuren im Wirken Marcus Jansens hinterlassen: Weite Teile der 1980er-Jahre lebte der Sohn eines Deutschen und einer westindischen Mutter in der Heimat seines Vaters am Niederrhein. Graffiti hatte er mit über den großen Teich nach Deutschland gebracht, hier reicherte er seine Kunst mit europäischen Zutaten an – nicht zuletzt durch eine Ausbildung an der Mönchengladbacher Berufsfachschule für Gestaltung befeuert. Es waren prägende Jahre, in denen er neben dem deutschen Expressi ATELIERBESUCH BEI MARCUS JANSEN — onismus auch erstmals mit seinem bis heute bevorzugten Material in Kontakt kam: mit Öl.

Im Alter von 21 Jahren kehrte Marcus Jansen in die USA zurück, schloss sich den US-Streitkräften an und wurde quasi vom Fleck weg eingezogen. Nächster Halt: Irak. Kaum Soldat, war er schon Teil von Operation Desert Storm. Der Krieg veränderte ihn. Am Ende seiner Militärzeit wurde bei Marcus Jansen ein posttraumatisches Stress-Syndrom diagnostiziert. Die daraufhin empfohlene Kunsttherapie brachte ihn zurück zur Malerei. Bis heute stehen Künstler mit ihren Werken an den Ecken von Soho, an denen Jansen damals zu Beginn der 1990er-Jahre als Teil der »Prince Street Kings« seine Bilder verkaufte. Es dauerte nicht lange, bis New Yorker Galeristen auf ihn aufmerksam wurden. In aufsehenerregenden, nahezu postapokalyptischen Landschaftsmalereien verknüpfte Jansen schon zu jener Zeit instinktiv alle losen Fäden seines bewegten Lebens. In diesen farbintensiven Dystopien findet sich auch heute noch die Bronx seiner Kindheit, wie die als GI besuchten Schlachtfelder im Irak. Es sind die Kehrseiten der Städte, die Marcus Jansen hier gnadenlos ans Licht zerrt, die er mit der Schärfe der rebellischen Graffiti-Künstler anprangert und der Unschärfe des Expressionismus als aus den Fugen geraten entlarvt. Ineinander geschobene Perspektiven, explodierende Farben und Muster, rasante Pinselführung: Realität und Fiktion verschwimmen auf diesen Leinwänden im Nu. Derweil liegt die Botschaft vom desolaten Zustand der Welt jederzeit völlig offen.

FARBGEWALTIGE FINGER IN KLAFFENDE WUNDEN


Es sind jene Werke, die Jansen in den Genuss kommen lassen, als Begründer einer neuen Kunstrichtung gehandelt zu werden: als Schöpfer des Urbanen Expressionismus, der kunsthistorisch eine plötzlich auf der Hand liegende Brücke zwischen der alten und der neuen Welt schlägt. Ihn selbst lassen derartige Zuschreibungen völlig kalt. »Ich halte nichts davon, Kunst oder gar Menschen mit einem Label zu versehen. Allerdings kann ich verstehen, dass das aus Marketinggründen sehr reizvoll ist.« Keine Frage, Jansen hat unsere Konsumgesellschaft bis ins Mark durchdrungen. Er ist einer ihrer kritischsten Begleiter – mit dem Pinsel, aber eben auch mit dem gesprochenen Wort. Medienkonsum, Gier, Umweltverschmutzung, Überwachung: Immer wieder kristallisieren sich diese Themen als zentrale Gegenstände seiner Werke heraus. Im Zusammenspiel realer Darstellungen mit Surrealem, aus dem Unbewussten Kommendem legt Jansen seinen Finger zudem mitten hinein in eine längst nicht mehr nur in den USA klaffende Wunde: das Verschwimmen von Wahrheit, Wahrheitsbeugung und Lüge. In seinen Bildern bricht sich der Wahnwitz des sogenannten postfaktischen Zeitalters Bahn. »Post-Wahrhaftigkeit erodiert das Fundament des Vertrauens, das jeder gesunden Zivilisation zugrunde liegt.« Jansen packt diese Gefahr unserer Tage im Genick und schüttelt sie in seinen Bildern kräftig durch. Schon immer war seine Kunst vom politischen Empfinden ihres Schöpfers durchzogen. Mit jedem Jahr gewinnen seine Bild gewordenen Diskussionsbeiträge weiter an Relevanz. Kaum ein anderer Künstler geht mit unserer Zeit und ihren Entwicklungen derart harsch ins Gericht. »Malerei ist die intimste Form, Krieg zu führen«, sagt er. Diese Haltung macht ihn zum Kartographen unser aller Konflikte.

Secret Gardens
Secret Gardens
IN SEINEN BILDERN SPIESST MARCUS JANSEN GESELLSCHAFTSRELEVANTE MISSSTÄNDE AUF. WÄHREND REALITÄT UND FIKTION AUF DER LEINWAND VERSCHWIMMEN, BLEIBT DIE BOTSCHAFT VOM DESOLATEN ZUSTAND DER WELT JEDERZEIT GLASKLAR.
MARCUS JANSEN

» Malerei ist die intimste Form, Krieg zu führen.«

Völlig zurecht wird seine Kunst daher auch rund um den Globus gezeigt. Mailand, Moskau, München, San Francisco, Taiwan, London, Berlin und natürlich seine Heimatstadt New York sind nur einige der Orte, an denen sich Ausstellungen mit dem ausdrucksstarken, gesellschaftsrelevanten und durch und durch politischen Schaffen Marcus Jansens beschäftigt haben. »Talent ist nicht alles«, sagt er. »Du brauchst auch Willen und einen inneren Antrieb.« Solange die Welt so ist, wie sie ist, muss man sich um seinen Antrieb garantiert keine Sorgen machen

Marcus Jansen
Marcus Jansen
Marcus Jansen