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Kunstmarkt, digitale Bildungsstätte, Messeplaner: zu Besuch im Hauptquartier von Artsy
Das Gespräch führte Daniel janzen
Hauptquatier von Artsy
Hauptquatier von Artsy
INTERVIEW MIT GRAHAM NEWHALL

Wenn Graham Newhall spricht, sind seine Hände ständig in Bewegung. Weit holen sie aus, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Tatsächlich passt es ganz hervorragend, dass Newhall vornehmlich große Gesten in die Luft malt. Das Unternehmen, von dem er gerade erzählt und dessen Sprecher er ist, hat sich nicht gerade vorgenommen, kleine Brötchen zu backen. Artsy ist auf dem besten Weg, den Kunstmarkt im großen Stil ins Digitale zu holen. Und dort im Netz möchten die Verantwortlichen den Markt nicht nur abbilden, sie möchten zu weiten Teilen der Markt sein.

»Wir verstehen es als unsere Mission, allen Menschen mit Internetanschluss jederzeit Zugang zur Kunst der gesamten Welt zu bieten«, gibt Graham Newhall zu Protokoll, während weit unter seinem Fenster der Alltag von Manhattan pulsiert. Mit lichtdurchfluteten Räumen in den obersten drei Stockwerken am Broadway 401 verfügt Artsy über ein Firmenhauptquartier, das gleichermaßen zum An- wie Herausschauen einlädt. Erneut holen Newhalls Hände weit aus: »Unser Ziel wiederum ist es, dass sich jeder beim Thema Kunstkauf zu allererst bei uns bedient.« Das klingt nach einem äußerst ambitionierten Unterfangen - gleichzeitig aber auch nicht völlig unrealistisch, sieht man die Entwicklung, die Artsy seit seiner Gründung genommen hat. Während in den Medien immer wieder vom Scheitern ähnlich angelegter Plattformen die Rede ist, wächst Artsy stetig weiter. Über 2.000 geprüfte Gallerien aus aller Welt sind hier schon mit ihren gesamten Beständen vertreten. Um diese Menge an Kunst zu bewältigen, braucht es Manpower. In den letzten 24 Monaten hat sich die Zahl der Angestellten auf 180 verdoppelt. Tendenz steigend: Aktuell sind allein für den New Yorker Hauptsitz 20 weitere Stellen ausgeschrieben. Und auch solvente Geldgeber glauben an Artsy und seine Ziele. Erst kürzlich konnte man vermelden, dass die in das Unternehmen geflossenen Investitionen nunmehr einen dreistelligen Millionenbetrag ausmachen würden. Schon als man die Website im Jahr 2011 lancierte, waren Kunstmarktriesen wie Larry Gagosian und Tech-Giganten wie Google-Gründer Eric Schmidt als Investoren mit von der Partie. Dieser Investoren-Spagat zwischen Kunst- und IT-Experten steht sinnbildlich für die Menschen hinter Artsy.

Als Firmengründer Carter Cleveland im Jahr 2009 an der Umsetzung seiner Idee von einer Kunstplattform zu arbeiten begann, befand er sich in den letzten Zügen seines Studiums in Princeton. Allerdings studierte der heutige Vorstandsvorsitzende keineswegs Kunstgeschichte, sondern Informatik. In der Gegenwart halten sich Kunstexperten, Programmierer und Datenanalysten unter den Angestellten etwa die Waage. Gemeinsam arbeiten sie an der Maschinerie, die bei Artsy unter der Motorhaube schnurrt. Das sogenannte »Art Genome Project« hilft dabei, die im Portal zusammengetragenen Werke - derzeit gut 300.000 Einzelstücke von rund 70.000 Künstlern - zu klassifizieren. Graham New-hall: »Mehr als eintausend Kriterien von verwendetem Material über Kunstepoche bis inhaltliche Thematik eines Bildes befüttern unseren Algorithmus, der derart fein eingestellt in der Lage ist, Zusammenhänge zwischen verschiedenen Werken herzustellen.« Wer dieses Bild mag, dürfte auch jenes mögen. Automatisiertes Erkennen von Vorlieben und darauf basierende Empfehlungen, also: Was sich bei Amazon und Co. völlig natürlich anfühlt, ist auf dem Kunstmarkt noch gewöhnungsbedürftig.

Das Art Genome Project kommt aber nicht nur den Sammlern unter den angemeldeten Usern zugute. Artsy versteht sich auch als Ort der Bildung, als Anlaufstelle, um das Schöne kennenzulernen. Die immer weiter wachsende Datenbank umfasst aktuell 800.000 Bilder von Kunstwerken, Architektur und Design. Auch bei ihnen greift der Algorithmus, um Wissbegierige durch die Epochen zu leiten, ihnen kunsthistorisch Spannendes anhand ihrer Interessen zu unterbreiten. Und damit nicht genug: Mit allen relevanten Kunstmessen der Erde verbunden, fungieren Artsy und seine App als nahezu perfekter Reiseführer und Planungshilfe für Kunstfreunde. »Bevor eine Messe startet, haben wir schon meist 99 Prozent der dort vorhandenen Kunstwerke online«, berichtet Graham Newhall. »So können sich interessierte Menschen ganz einfach ein Bild von dem machen, was sie auf der Messe erwarten wird.«

Und der Weg des Unternehmens hat gerade erst begonnen. Bis zum Erreichen des Ziels, zentraler Anlaufpunkt für alles zum Thema Kunst zu sein, wollen noch ein paar Schritte getan werden. Mit den zuletzt geflossenen Investitionen möchten die Verantwortlichen weitere große Meilensteine setzen: Die großen Museen der Welt mit ins Boot holen und den Auktionsmarkt stärker in den eigenen Fokus rücken. »Wir bleiben in Bewegung«, sagt Sprecher Graham Newhall und seine Hände schwingen einmal in die Runde. »Es macht wirklich riesigen Spaß, das alles hier in diesen Tagen mitgestalten zu dürfen.«

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Graham Newhall