Stephan Balkenhol

Finale einer Pionierarbeit

Das Gespräch führte Daniel janzen
Stephan Balkenhol - Großes Kopfrelief
Stephan Balkenhol
Stephan Balkenhol
Stephan Balkenhol
ATELIERBESUCH BEI STEPHAN BALKENHOL

Es ist Nachmittag geworden in Meisenthal. Rund 700 Einwohner leben in dem lothringischen Örtchen, das 40 Kilometer von Saarbrücken entfernt liegt - 700 Einwohner und ein Pionier. Wobei, von Haus aus ist Stephan Balkenhol erst einmal Künstler: einer der wichtigsten und beliebtesten Bildhauer unserer Zeit, der sich seit vielen Jahren innerhalb der Top 200 aller weltweiten Künstler bewegt, um noch ein wenig exakter zu sein.

Weit über die engen Grenzen eines kunstverständigen Fach- und Sammlerpublikums hinaus bekannt wurde Stephan Balkenhol mit großen Arbeiten für den sogenannten öffentlichen Raum. So steht seit 2009 sein »Balanceakt« im Bereich der ehemaligen Mauer in Berlin. Leipzig hat seit 2013 ein beeindruckendes »Wagner-Denkmal« zu bieten und im Bahnhof des französischen Metz erinnert Balkenhols »Denkmal für den französischen Widerstandskämpfer Jean Moulin« seit 2014 an eine Ikone der Résistance. Auch bei Arbeiten wie diesen, die einer größeren Aufmerksamkeit und somit Bewertung unterliegen, verlässt der Künstler nicht seine besondere, immer etwas schwebende, scheinbar aus der Welt gefallene Bildersprache. So gelingen ihm Orte der Erinnerung, die nicht appellativ und laut uns zum Gedenken und Erinnern herausfordern, sondern auf leise, poetische Art und Weise uns nicht vergessen lassen.

Und Balkenhol bespielt mit seinen überaus besonderen Skulpturen und anderen Arbeiten nicht nur den öffentlichen Raum. Mailand, Osaka, Lyon, Moskau, Wien, Montreal, Washington, Kassel oder Basel lauten nur einige Stationen, in denen er seit der Mitte der 1980er-Jahre ausgestellt hat. Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen, ebenso wie die Reihe der Auszeichnungen, die Balkenhol wegen seiner besonderen Schaffenskraft zuteil wurden. Der Ordre des Arts et des Lettres, der französische Orden der Künste und der Literatur, ist in dieser Aufzählung sicher der prominenteste Punkt. Jetzt und hier in Meisenthal geht es aber nicht um Ausstellungen oder Orden. Stephan Balkenhol geht seiner Berufung nach. Schon den ganzen Tag über koloriert er eine Sensation von einem Kunstwerk. Immer wieder taucht er den Pinsel in die Farbdose, die er in seiner linken Hand hält. Noch ein bisschen näher rückt er an sein Bild heran. Dass die selbstgedrehte Zigarette zwischen seinen Lippen längst erkaltet ist, merkt er gar nicht. Zu versunken ist er in dem, was er da tut. Versunken und völlig in seinem Element. »Ich bevorzuge das direkte, das sinnliche Umgehen mit dem Material«, sagt er selbst. Das Lächeln, das diesen Satz begleitet, tauscht den konzentrierten Ausdruck in seinem Gesicht kurz gegen den Eindruck eines Mannes, der sich seiner selbst und seines Tuns auf unheimlich sympathische Art bewusst ist. Beim nächsten Eintauchen des Pinsels ist Balkenhol wieder der akribische Arbeiter, der voll und ganz im Schaffen seiner Kunst aufgeht.

Stephan Balkenhol
Stephan Balkenhol
Stephan Balkenhol - großes Kopfrelief
Stephan Balkenhol vor seinem Kunstwerk »großes Kopfrelief«

18 Monate Entwicklungszeit hat Stephan Balkenhol in die Waagschale geworfen, um am Ende ein Werk präsentieren zu können, das es in dieser Form noch nicht gegeben hat: Eine derart riesig dimensionierte Aquagravur war vor Balkenhols Entwicklungsprozess schlicht nicht vorstellbar. So ist er also doch auch ein wenig Pionier neben dem vordergründigen Künstlertum.

Als besondere Form des Reliefdrucks muss für die Aquagravur ein enormer Aufwand betrieben werden. Viele Künstler scheuen daher davor zurück, auch wenn dieser Aufwand letztlich zu einem beeindruckenden Ergebnis führt. Die Erhabenheit der Aquagravur vermittelt einen dreidimensionalen Eindruck vom jeweiligen Motiv, obschon dieses doch in der Fläche verhaftet bleibt. Bis zu diesem Werk - sein Name lautet sehr pragmatisch >Großes Kopfrelief< - hat Stephan Balkenhol exakt vier Aquagravuren geschaffen, die allesamt deutlich kleiner waren. Mit dem großen Kopfrelief verleiht er dieser ebenso außergewöhnlichen wie rar verwendeten Technik nun also neue Impulse. Er weist der Aquagravur nicht nur den Weg in eine neue Ära, er geht die ersten wichtigen Schritte auch gleich selbst. Arbeit- same Schritte waren es, die hier und heute in der Kolorierung ihren vorläufigen Höhepunkt finden. Zuvor musste viel experimentiert, gegossen und ausprobiert, bisweilen auch verworfen werden. Mehrere Kilogramm einer Masse aus Materialien wie Zellstoff oder Altpapier benötigt Balkenhol, um eine Aquagravur dieses Ausmaßes zu kreieren. Lange hat es gedauert, bis er die richtige Zusammensetzung gefunden hatte - eine Zusammensetzung, die festen Halt garantiert. Denn zentimeterdick wird die Zellstoff-Masse in eine Form gegossen, wo sie das Motiv der Form annehmen und im Aushärten behalten soll. Stephan Balkenhol kann dies mittlerweile auch in diesen riesigen Dimensionen. Und noch eine Neuerung hat er der Aquagravur im Rahmen dieses Schaffensprozesses mitgegeben. Erstmals überhaupt formuliert er sie zu einer Kombination aus Prägedruck und Holzrelief um, indem er ihr eine Holzfläche hinzugibt. Im Kontext seines künstlerischen Gesamtwerks ist das eine nahezu auf der Hand liegende Maßnahme. Seit jeher gehört Holz zu seinen wichtigsten Materialien als Bildhauer. Gerade weiche Holzarten erlauben ihm ein präzises Herausarbeiten der Details. Bei seinem großen Kopfrelief übernimmt die Holzfläche eine nicht ganz unähnliche Aufgabe: Sie fängt den Raum ein, in den hinein der Künstler sein Motiv setzt. Dadurch verstärkt sich die dreidimensionale Anmutung des Drucks. Ein Unterschied lässt sich dann aber doch erkennen zwischen der Funktion des Holzes in Balkenhols Skulpturen und der Holzfunktion bei seiner Aquagravur. Die Feinheiten der Physiognomie, eigentlich in Balkenhols Figuren und Gesichtern sonst eher Mittel der Vereinfachung und idealisierten Typisierung, treten beim großen Kopfrelief um einiges deutlicher heraus. Das Bildnis gewinnt dadurch an Identität, es >wächst< dem Betrachter geradezu emotional entgegen. Eine ganze, wenn auch in geringer Stückzahl angelegte Edition hat Stephan Balkenhol so im Spannungsfeld zwischen Prägedruck und Holzrelief entstehen lassen. In seinem Atelier in Marienthal ist er mittlerweile auf die Zielgerade dieser Arbeit eingebogen. In wenigen Stunden wird er auch das letzte Exemplar dieser Auflage von Hand koloriert haben. Sowohl die allein durch seine Hand entstandene Bemalung, als auch die Vitalität des Materials - Holz, aber natürlich auch die Zellstoffmasse >arbeiten< noch geraume Zeit nach ihrer Verarbeitung weiter - sind Garanten dafür, dass jede einzelne Arbeit dieser streng limitierten Edition den Charakter und die individuellen Unterschiede eines Unikats aufweisen. Schon hier im Atelier entfaltet jedes einzelne Exemplar eine geradezu poetische Kraft und magische Ausstrahlung. Keine Frage, Stephan Balkenhol hat der Aquagravur in den vergangenen 18 Monaten neues Leben eingehaucht. Und dabei eine ganze Edition faszinierender Kunstwerke geschaffen.

Stephan Balkenhol
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