Jonathan Meese

Auf dem Spielplatz

Das Gespräch führte Elke Backes
Jonathan Meese
JONATHAN MEESE
ATELIERBESUCH BEI JONATHAN MEESE

Berlin, 3. Februar 2017:
Nur schemenhaft nehme ich den Gebäudekomplex des stillgelegten Wasser-pumpwerks Prenzlauer Berg wahr.

Zu sehr bin ich damit beschäftigt, die Sprechanlage zu hypnotisieren, nachdem ich den Klingelknopf gedrückt habe.

Das fröhliche: »Hallo. Kommt rein!«, lässt mich aufatmen. Das Tor wird elektrisch geöffnet. Erst jetzt realisiere ich die wunderschönen klassizistischen Backsteinfassaden der Industriebauten, die gusseisernen, in Sprossen unterteilten Fabrikfenster, den schlanken Turm, der sich dem Himmel entgegenstreckt. Doch wohin jetzt, frage ich mich ein wenig verloren. Eine Tür öffnet sich und da steht er. Jonathan Meese in seiner allseits bekannten Uniform: Schwarze Hose, schwarze Adidas-Trainingsjacke. Meese, das ? so die allgemeine Formulierung in der Presse ? »Enfant terrible der Kunstwelt« oder auch der »Skandalkünstler«. Davon ist im Moment aber auch wirklich gar nichts zu spüren. Herzlich werden wir begrüßt und hereingebeten.

Ich weiß nicht, wo ich zuerst hinschauen soll? Gegen die Wand gelehnt stehen sie und ziehen mich wie magisch an. Die brandaktuellen Werke. Überwiegend sind es Großformate. Bunt, laut und witzig, grausam und ungestüm scheinen sie mir ihre Präsenz entgegenzuschreien. Vor ihnen auf dem Boden liegen neue, noch jungfräuliche Leinwände, bereit für ihre erste Farb-Dusche, die sich in Kürze über sie ergießen wird. Er arbeite immer auf dem Boden, erklärt Meese. Eine erste Farbschicht, die je nach Stimmungslage geschüttet, gepinselt, gewischt oder geschmiert wird, entscheide häufig über das weitere Vorgehen. »Über den Prozess des Trocknens entwickelt sich ein erstes Eigenleben. Es entstehen Figuren oder Formen, die nicht vorhersehbar sind und mich zu neuen Figuren inspirieren.« Leuchtet ein. Ich verliere mich gerade in der Suche nach Dingen, die mein Gedächtnis beim Anblick der Bilder hervorsprudelt. Ich sehe Fische, Science-Fiction- Figuren, eine Mutter Gottes, Zahnpastastreifen? Auch die Titel ziehen mich in ihren Bann: DON BULLETIN, PARSIFALL?S SÜSSIGKEITINS, KLINGSOR?S? Soll man hier noch nach dem Sinn fragen? Alles scheint surreal und schräg. Spannend sind auch die skurrilen kleinen Dinge, die es überall zu entdecken gibt. Beispielsweise der »tanzende Mopp«, den Meese begeistert vorführt, als er mein Interesse daran bemerkt. »Ich sammle einfach alles. Das macht mir einen riesigen Spaß. Sinnlos sammeln. Ob es irgendwann zum Einsatz kommen wird, ist dabei völlig egal. Schon allein wegen meines Sammlungswahns brauche ich viel Platz«, erzählt er in Vorausschau auf die Gesamtlagerfläche des Pumpwerks, die wir gleich noch zu sehen bekommen werden.

Mein Blick wandert weiter durch den Raum. Prallvolle Bücherregale sind zu sehen, Farbmaterialien in einer schier unendlichen Vielfalt? Doch allem Wahnsinn und irrwitzigen Trash zum Trotz fällt auf, dass der Atelierraum selbst organisiert, ordentlich, geradezu clean ist. Die aktuell nicht verwendeten Farbtuben liegen beschriftet und sortiert im Regal, die übrigen Farben sind je nach Material auf Tischen und Paletten zum Gebrauch aufgestellt. »Wie passt dieser Gegensatz zusammen?«, frage ich. »Dafür ist meine Mutter verantwortlich. Sie hält den Laden unter Kontrolle, überwacht die Bestände, systematisiert mein stetig anwachsendes Sammlungskonvolut, ist jeden Tag im Atelier?«, berichtet Meese stolz über seine 86-jährige Mutter. Die Ordnungsliebe von Brigitte Meese bekommen wir während des gesamten Rundgangs vor Augen geführt. Ihre Zettel sind allgegenwärtig. Während im Atelier noch ein Zettel mit der Aufschrift: »Wir haben unendlich viel Weiß« streng auf Überbestände hinweist, wird mit den an den Kisten geklebten Zetteln in den Lagerregalen des Nebenraumes das Ordnungsschema des Sammlungsdepots vorgegeben. »Puppen und Puppentiere«, »Stofftiere und Meerestiere«, »Barbie-Spielzeug« oder einfach »Kleinkram« ist darauf zu lesen; die Zettel lassen mich unweigerlich an das Lager eines Spielwarengeschäftes denken.

Zu Beusch im Atelier Meese
Zu Beusch im Atelier Meese
JONATHAN MEESE

»Ich möchte spielen. Sonst nichts.«

Es geht weiter. Wir gehen die Eisentreppe hinunter und landen in den unterirdischen Gängen des früheren Pump-werks. Es ist wie eine Führung durch ein Technikmuseum. Vorbei an altertümlichen Maschinen landen wir an einem monströsen Kühlbehälter, der aussieht wie eine Mischung aus einer alten Dampflok und Kapitän Nemos Nautilus. Dachte ich hier noch an die ideale Kulisse eines Filmsets, steigert sich dieser Eindruck mit dem Eintritt in die ehemalige Maschinenhalle, die nun als Lager dient. Verpackte Kunstwerke, eingerahmt von eisernen Pumpanlagen, schimmern geheimnisvoll im Licht einer nostalgisch an-mutenden Laterne. Ergänzt wird die Szenerie von weiteren Skurrilitäten. Ein Durchgang führt von dort in eine Art White-Cube, der mittels Leichtbauwänden innerhalb des Großraums eingezogen wurde. Auch hier sind riesige Gemälde aufgestellt.

Fast schwindelig von diesen vielfältigen Eindrücken geht es zurück ins Atelier, wo wir uns nun zum Gespräch zusammensetzen. Worum geht es in seiner Kunst? Was ist seine Kernaussage? Über die Bildsprache brauchen wir nicht sprechen. Seine Handschrift ist immer deutlich erkennbar. So frage ich schlichtweg: »Worum geht?s eigentlich?« »Ich möchte spielen. Sonst nichts«, lautet die überraschende Antwort. Spielen? Der überall als angriffslustig und radikal bezeichnete Jonathan Meese möchte spielen? »Soll heißen: Ich will mir nichts vorschreiben lassen, einfach drauflos malen, basteln, performen. Ohne Drehbruch, ohne Anleitung. Das ist es doch schließlich, was bildende Kunst ausmacht. Ihre Freiheit! Ihr Anspruch, KEINE Botschaft zu haben, außer frei sein zu dürfen. Im Laufe unseres Lebens werden wir dazu erzogen uns anzupassen, uns vorgegebenen Ideologien zu unterwerfen, werden sukzessive verbogen und verlieren dabei unsere von Natur gegebene Spielfreude und Ungezwungenheit. Dazu bin ich nicht bereit. Ich bleibe Kind im Kopf. Und wenn mir das jemand kaputtmachen will, werde ich aggressiv.« Ich ertappe mich dabei, wie ich versuche, zu entschlüsseln, ob er gerade »performt« oder ob er tatsächlich er ist. »Das Verrücktsein wird unterdrückt und geht verloren. Und was passiert dann? Die Menschen werden frustriert, werden böse und stumpf im Kopf. Das ist es, was die gesamte Menschheitsgeschichte begleitet. Doch alles überlebt sich. Nichts hat Bestand. Keine politische Linie, keine Religion. Es gibt nur eine einzige Ausnahme: Die Kunst. Sie besteht seit Beginn der Menschheit und wird auch überleben, solange es Menschen gibt. Weil sie sich schlichtweg mit dem Menschsein auseinandersetzt. Und darum fordere ich einzig und allein die Diktatur der Kunst!« »Was hat es denn mit der Thematisierung der deutschen Mythologie, dem Hitler-Gruß, der häufigen Anwendung der Vorsilbe ?Erz?-? der radikal anmutenden Typo oder allgemein mit den Wortverdrehungen in den Titeln Ihrer Arbeiten auf sich?«, frage ich gespannt. »Wörter und Zeichen werden in ihrer Bedeutung immer aus der Vergangenheit begründet. Sehe ich nicht ein. Ich hasse dieses ewige nach hinten schauen. Wir müssen nach vorne schauen. Den Blick in die Zukunft richten, uns hierfür öffnen und befreien. Mit der Persiflierung der Wörter und Zeichen der Vergangenheit besetze ich diese einfach neu, entpräge sie, stoße Erhöhungen ab. Es ist mein Mittel, mit der Vergangenheit zu brechen, gleichzeitig Spaß zu haben und zu spielen. Das ist super!«, erklärt Meese kampfeslustig und strahlt. Eine letzte Frage: »Schaltet ein solcher Kopf nachts auf Pause? Gibt es einen Jonathan Meese in Freizeit?« »Schwierig. Klappt aber. Ich arbeite viel, tobe mich dabei aus und bin abends müde. Seit 20 Jahren lebe ich nun schon glücklich mit meiner Freundin zusammen. Mein Privatleben ist sehr unspektakulär«, sagt abschließend der »Skandalkünstler«.

Spätestens beim Fotoshooting, das im Anschluss an das Gespräch stattfindet, wird mir eines klar: Jonathan Meese inszeniert heute Nachmittag keine Kunstfigur. Er liebt es wirklich zu spielen, springt von einer Ecke in die andere, kramt ein Requisit nach dem anderen hervor? seine Spiel-laune ist schlichtweg ansteckend! Seine Forderung nach einer »Diktatur der Kunst« kommt mir wieder in den Sinn und ich gerate ins Grübeln. Bei »Diktatur« denke ich doch an eine (be)herrschende Person oder Personengruppe. Wenn Kunst aber frei ist, wie kann sie uns dann beherrschen? Klingt widersprüchlich, oder vielleicht doch nicht? Wäre es nicht eine wunderbare Vorstellung, von Freiheit beherrscht zu sein...? Ich bin dabei. KUNST AN DIE MACHT!

Jonathan Meese
Jonathan Meese
Meeses Farbpalette
Meeses Farbpalette
Elke Backes und Jonathan Meese
Elke Backes und Jonathan Meese