MICHAEL TORQUATO DE NICOLA

Surfender Künstler, malender Surfer

Das Gespräch führte Daniel Janzen.
MICHAEL TORQUATO DE NICOLA
In seinen Bildern verbindet der Mann aus Kalifornien die zwei Welten, in denen er sich völlig unaufgeregt bewegt: Malerei und Wasser.
MICHAEL TORQUATO DE NICOLA
ATELIERBESUCH BEI MICHAEL TORQUATO DE NICOLA

Es kann schon einmal passieren, dass man Michael Torquato de Nicola auf einem Skateboard durch sein Atelier rollend antrifft. Wie es sich für einen Südkalifornier gehört, verbringt er einen guten Teil seines Lebens auf einem Brett stehend.

Das Skateboard fungiert dabei allerdings eher als Ersatz: Wenn es eben geht, steht der breitschultrige Blonde auf dem Surfbrett. Und hier in Kalifornien geht genau das jederzeit. Jeden Morgen zieht es Torquato in aller Herrgottsfrühe von dem großzügig geschnittenen Loft in Downtown LA, in dem er lebt und arbeitet, an den Strand. Während der Tag erwacht, reitet er die ersten Wellen und tankt so Energie für die kommenden kreativen Stunden in seinem Atelier. Heute vor allem Kraftquelle, war das Surfen früher einmal sein Hauptberuf. Im Alter von zwölf Jahren warf er sich erstmals aufs Brett, mit 19 war er schon Teil des US-amerikanischen Nationalteams und längst Profi. Von Island bis Samoa, von Indonesien bis Peru: Die ganze Welt hat er als preisgekrönter Vorzeigeathlet mit dem Brett unter dem Arm bereist.


Neben diesem sportlichen Aspekt war da aber auch immer schon eine nicht minder ausgeprägte kreative Ader. Von Beginn an hat Michael Torquato de Nicola den Look seiner Surfbretter selbst gestaltet. Auch heute trägt noch jedes Skateboard im Atelier seine künstlerische Handschrift. Und auch sonst verbindet Torquato in seinen Arbeiten die beiden Welten, die ihn umtreiben. Die Kunst, die er stets in mehreren Schichten auf die Leinwand bringt, wirkt ebenso unbekümmert und lässig wie ihr Schöpfer, wenn er auf dem Brett steht. Farben, Formen, Muster: alles fließt. Wasser ist ohne Frage das Thema seines Lebens. Es trägt ihn, es bewegt ihn, es inspiriert ihn immer wieder neu. Die Inspiration kommt vielfach mit einer derartigen Wucht, dass Torquato sie gleich in ganze Bilder-Serien verwandelt. Dank solch überaus produktiver Phasen sind fast sämtliche Wände und etliche Quadratmeter des Bodens in seinem Atelier mit den für ihn typischen abstrakten, rasant farbigen Bildern bedeckt. Diese allgegenwärtige Farbgewalt macht die Räume im Zentrum von LA zu einem hellen, lebendigen, fröhlichen Ort. Dafür sorgen unter anderem die »Sun Spots«, Bilder einer Serie, die sich mit dem visuellen Phänomen beschäftigt, das entsteht, wenn man beim Surfen direkt in die Sonne schaut und unmittelbar danach die Augen schließt. Analog zu den dann auftauchenden, punktförmig-flimmenden blinden Flecken, spart Michael Torquato de Nicola ein regelmäßiges Muster von Punkten bei den Bildern dieser Serie aus. Im Ergebnis werden die einander überlagernden, farbenfroh-abstrakten Flächen und Patterns von weißen Kreisen durchzogen. Teile dieser Kreise füllt Torquato mit Farbspritzern und neuen Mustern, was in Summe das gesamte Bild zum Flirren bringt und somit in seiner Erscheinung umformuliert. Andere »Sun Spots« wiederum stellen das bildliche Negativ dieser flimmernden Arbeiten dar. Hier existieren die auf den anderen Werken ausgesparten Kreise in Reih und Glied auf weißem Hintergrund – aus der Distanz fast wie eine Sammlung bunter Buttons oder Murmeln wirkend.


Noch direkter nehmen Torquatos »Reef Pictures« Bezug auf das Meer. Diese ungeheuer faszinierenden Naturstudien entstehen unmittelbar am Wasser. Sobald die Ebbe kommt, legt Michael Torquato de Nicola seine Leinwand auf dann freiliegende Areale von Riffs. Bis ins feinste Detail durchpausend, überträgt er die jeweilige Struktur des Riffs auf seinen Maluntergrund. Im Anschluss koloriert er die dabei entstehenden Furchen und Erhebungen mit Farben, die die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort reflektieren. Bei all seinen Reisen lässt Torquato neue »Reef Pictures« entstehen, die er mit ihrem Herkunftsort benennt. In ihrer Verschiedenheit nebeneinandergelegt, verdeutlichen sie die grandiose Vielfalt, die die Natur selbst im kleinsten Detail eines Riffs zu bieten hat. Kalifornien mit vertikalen Strichen und Brauntönen, Chile mit wirbelartigen Strukturen in Türkis, Maui mit wilden Flecken in allen Farben: Der Wiedererkennungswert jeder Region ist so markant; fast sieht es aus, als sammle Torquato mit dieser Serie Riff-Fingerabdrücke.


Ihm gefällt diese Assoziation ebenso wie zuvor die mit den Murmeln. Entspannt lächelt und nickt er zum Abschied. Draußen klingt der unverkennbare Klang von Skateboard-Rollen durch die Tür. Michael Torquato de Nicola dreht noch einmal eine Runde.