KING SALADEEN

Grell-bunter Autodidakt von der Strasse

Text von Daniel Janzen.
KING SALADEEN
REPORTAGE ÜBER KING SALADEEN

Wer weiß, vielleicht wäre Raheem Saladeen Johnson tatsächlich ein großer NBA-Star geworden. Sein Basketball-Talent war riesig. In der High School ragten seine Leistungen und erzielten Punkte aus denen all seiner Mitschüler deutlich heraus. In jedem Spiel war er derjenige, der sein Team zum Sieg oder zumindest in dessen Nähe führte. Schon in jungen Jahren ein Leader: Er hätte es ohne Frage sehr weit bringen können in diesem Sport.

Dann aber schlug das Schicksal zu und sorgte dafür, dass es Johnson heute in einem völlig anderen Gebiet weit gebracht hat – und es künftig sogar noch viel weiter bringen wird.

Ein Autounfall im Alter von 15 Jahren zwang Saladeen zu einer Pause von der geliebten Körbejagd. In der verordneten Ruhe fand der Teenager zurück zu einer Liebe, die er lange Zeit links liegen gelassen hatte. Schon als Fünfjähriger hatte er sich für Kunst interessiert. Doch mit den rauen Straßen von West Philadelphia wuchs er in einer Gegend auf, in der man beim Basketball mehr Freunde und Anerkennung gewinnen konnte als beim Malen. So verbrachte er seine Freizeit lieber unter den Körben als in Museen oder Galerien, die in seiner Nachbarschaft ohnehin mehr als spärlich gesät waren. Sein Talent wurde entdeckt und gefördert. Der Weg in den Profisport schien vorgezeichnet. Bis zu eben diesem Unfall. Plötzlich war die Kunst wieder da. Und diesmal stürzte sich Saladeen kopfüber in das Thema – ohne einen Blick zurück. Ein Sport-Stipendium, das er nach der Genesung erhielt, konnte ihn auch nicht mehr umstimmen. In seinem Inneren brannte das Feuer für die Kunst so viel heller als das für den Basketball. Für die Kunst im Allgemeinen und die Street Art im Speziellen.

FREUDE SPÜREN UND WEITERREICHEN


Wo es keine Galerien und Museen gibt, bietet der öffentliche Raum stattdessen Hunderte Ausstellungsmöglichkeiten. An buchstäblich jeder Ecke können Künstler in den Dialog mit ihrem Publikum treten – mit Leuten, die bis kurz zuvor noch gar nicht wussten, dass sie Publikum sein werden. Dabei geht es nicht um das Hinterlassen von Namenskürzeln oder die Tags irgendwelcher Crews. Street Artists erschaffen Werke von größerer Tragweite. Nicht selten vermitteln diese Werke Botschaften, die ihren Schöpfern dringend auf dem Herzen liegen. Bei Banksy etwa schwingt fast immer eine gesellschaftskritische Komponente mit. Saladeen wiederum sah Kunst schon immer als Weg, Wohlbefinden zu spüren und es weiterzureichen, bei den Betrachtern für Freude und Glücksmomente zu sorgen. Mit jedem Pinselstrich und jedem Druck auf die Sprühflasche möchte er ein Lächeln produzieren; erst bei sich, dann bei den anderen. Es dauerte nach der Rückkehr aufs Basketballfeld noch eine Weile, bis er sich bewusst machte, dass ihm das wichtiger als alles andere ist.


Darum ließ er das Stipendium nach zwei Jahren auslaufen, kehrte nach Philadelphia zurück und wirkte zunächst im Kleinen. Er wurde Designer bei einer Bekleidungsfirma, widmete sich daneben Jugendlichen in den harten Gegenden seiner Heimatstadt. In Jugendzentren leitete er sie an, die Kunst als Ventil für Zorn und Aggression zu verwenden, sie als Licht im dunklen Alltag zu verstehen. Wieder wurde sein Talent entdeckt und gefördert. In John JP Thompson fand Saladeen einen Freund, Förderer und Fürsprecher. Thompson war es, der ihm das erste professionelle Equipment zur Verfügung stellte. Er war es auch, der Saladeen dazu ermutigte, alle Broterwerbsjobs zu kündigen und sich voll und ganz auf die Kunst zu konzentrieren. Im Jahr 2011 folgte dieser dem Rat seines Freundes mit der Gründung der Saladeen Art Group. Es war der 4. Juli 2011, als aus dem ungemein talentierten Hobby-Künstler Raheem Saladeen Johnson der ernstzunehmende Street Artist King Saladeen wurde. Bis heute sieht Saladeen diesen Moment als Start seiner Karriere.

KING SALADEEN
KING SALADEEN

GRELLBUNTE FARBEXPLOSIONEN


Gemessen an den Dingen, die King Saladeen seither erreicht hat, scheinen diese Anfangstage knapp sieben Jahre später eine Ewigkeit zurückzuliegen. Es sind span nende Zeiten für Street-Art-Künstler. Längst haben sich ihnen die Türen zu den illustren Runden der Kunstwelt geöffnet. Vorbei die Zeiten, als die Autodidakten von der Straße von oben herab belächelt wurden. Zu aufregend ist ihre Kunst, zu wild und rasant, als dass sich noch irgendjemand den neuen Impulsen verschließen könnte, die die Street Art mit sich bringt. King Saladeen hat in den vergangenen Jahren seinen Teil zu dieser Entwicklung beigetragen. Seit seinen ersten Solo-Ausstellungen in Los Angeles und Miami im Jahr 2014 eilt ihm der Ruf voraus, vor Kreativität nur so überzusprudeln. Er zieht Inspiration aus allem, was ihn umgibt. Und die daraus entstehende künstlerische Vision kanalisiert er auf ständig neuen Wegen. Als wahre Farbexplosionen kommen seine Werke daher: grellbunt, mit einander überlagernden Figuren und Symbolen in Neon. King Saladeens detailreiche und im wahrsten Sinne des Wortes blinkende Kunst nimmt das Auge eines jeden Betrachters im Nu gefangen.


Ein mal augenzwinkernder, mal Dollarzeichen-sehender und dann wieder pure Freude ausstrahlender Bär ist dabei eines der am häufigsten wiederkehrenden Elemente. Seine Existenz hat einen nicht auf den ersten Blick zu sehenden, traurigen Anlass: Der Bär war JP Thompsons liebste Figur aus dem künstlerischen Universum von King Saladeen. Heute malt und zeichnet ihn Saladeen stets als Hommage an seinen Freund. Eine tödliche Krebserkrankung verhinderte, dass Thompson miterleben konnte, wie richtig er mit seiner Prognose gelegen hatte: Raheem Saladeen Johnson ist tatsächlich wie gemacht für die Welt der Kunst. Er bewegt sich nicht nur sicher auf ihrem Parkett, er gibt beim Tanz den Ton an.

»WARHOL DER INSTAGRAM-GENERATION«


In der Gegenwart sind es Künstler wie eben King Saladeen oder auch der New Yorker Street Artist Alec Monopoly, die für eine Art von Furore sorgen, wie sie die Szene kaum einmal erlebt hat. In den Artsy-Auflistungen der Künstler mit den gefragtesten Werken findet man sie unter den Top-100. Den Berechnungen der Artsy-Algorithmen zufolge liegt Alec Monopoly sogar vor renommierten Namen wie Pablo Picasso. Das liegt sicherlich auch am exaltierten Auftritt der Street Artists. Bei der Miami Art Basel im vergangenen Dezember etwa waren es Saladeen und Monopoly, die am Ende einer ereignisreichen Woche voller Top-Events in aller Munde waren. Sie sind die Protagonisten einer künstlerischen Revolution, weil sie die Straße mit der hohen Kunst verbinden und diese Verbindung zudem in andere Bereiche erweitern. So kreierte »der Warhol der Instagram-Generation«, wie die Kultur-Journalistin Amanda Ross Saladeen in einem Artikel nannte, den Laufsteg für eine Show des Designers Neiman Marcus. Er verwandelt Luxuskarossen mit seiner Kunst in begehrte Sammlerobjekte. Ferrari, Bugatti, Lamborghini, Rolls Royce: Manche dieser Wagen verschönert er in Performances live vor Publikum – wie jüngst auf der Miami Art Basel. Natürlich fährt er selbst auch einen King-Saladeen-Lamborghini. Wer weiß, ob er das als NBA-Star hätte haben können. Als Künstler scheint für ihn jedenfalls nur der Himmel die Grenze zu sein.


Als Künstler scheint für ihn nur der Himmel die Grenze zu sein.